Interview mit Dorin Kurink

Dorin, wie ich weiß warst du Freiwillige in unserem ersten Jahrgang bei Perspektivy. Warum hast du dich für Russland entschieden?

Das war Zufall. Eigentlich wollte ich gerne in ein englischsprachiges Land, aber dann zu den Vorbereitungs- und ersten Auswahltreffen hat dann damals Pater Rieth (Pater Theobald Rieth, Gründer von ICE i.V.) von diesem Projekt erzählt und mich konkret darauf angesprochen. Dann habe ich mir gedacht „Warum nicht Russland?" und ich habe ja gesagt, probieren kann man - immer. Deswegen ist es dann halt Russland geworden.

Hattest du Angst als erste Freiwillige nach Russland zu fahren?

Es gab ja schon vor uns – nicht über Perspektiven, aber über Andere, über die Caritas – Freiwillige in Russland, oder in Petersburg konkret, sodass da ja schon immer, oder es halt schon Freiwillige gab. Angst hatte ich keine, Neugier „wie wird das wohl das Jahr?" oder ja „was kommt da auf einen zu?".

Was war dein erster Eindruck von Russland, von Perspektiven und dem Projekt?

Wir sind mit dem Zug damals gereist, das war sehr schön, weil man sozusagen sehr langsam die Veränderung, auch die geografische oder landschaftliche Veränderung mitbekommen hat. Die ersten spannenden Erfahrungen an der Grenze zu Weißrussland, wo dieser Zug halt noch umgesetzt wird, wegen der Spurweite. Dann sind wir ganz nett in Petersburg begrüßt worden von Dominik Schlun (einer der ersten Freiwilligen in St. Petersburg), der hat uns vom Bahnhof abgeholt und dann gab es erstmal ein sehr tolles Frühstück in der Fontanka (in der Wohnung von Margarete von der Borch, wo sich damals auch das Büro von Perspektivy befand), der erste Eindruck war sehr, sehr positiv und sehr schön. Das Heim, ok, das war gewöhnungsbedürftig. Wir haben ja vorher in der Vorbereitungszeit in Deutschland in einer Rehabilitationsklinik gearbeitet im Schwarzwald auch, das war schon ein gewaltiger Unterschied. Es war schon ein gewaltiger Unterschied. Alles war anders, Gerüche, die Zimmer und die Stille vor allen Dingen im Heim selbst, also in dem Haus in dem wir waren. Wir sind dann in das Vierte Haus gekommen, in dem Perspektiven immer noch tätig ist. Da war es einfach viel zu still, dafür, dass da so viele Kinder wohnten. Ja und irgendwann ist es dann so Alltag geworden.

Wie kannst du dein Freiwilligenjahr beschreiben?

Es war sehr intensiv, sowohl mit den Leuten, mit denen man als Freiwilliger zusammen war. Wir haben ja zu zweit gewohnt.

In einem Zimmer oder einer Wohnung?

Wir hatten damals das Privileg, dass wir in der Fontanka wohnen durften mit Assol und meistens haben wir zusammen in einem Zimmer gewohnt, weil die Fontanka immer viele Gäste hatte und damals das Büro ja auch noch in der Fontanka war und zum Teil Künstleratelier, deshalb hatten wir da nur ein Zimmer und die anderen beiden – also ich habe mit Assol zusammen gewohnt und die andern beiden, die noch mit dabei waren in Pawlowsk haben ebenfalls in einer WG gewohnt. Die hatten glaube ich sogar alle ein Zimmer. Dann gab es noch die anderen Freiwilligen, die bei der Caritas waren, und ja, wir haben uns gut verstanden und haben uns auch in unserer Freizeit getroffen. Von der Arbeit her war es wie vorhin schon gesagt ziemlich irgendwann Alltag. Das war dann halt täglich mit Metro und Elektritschka nach Pawlowsk, zu Fuß durch den Park und dann tagsüber halt bei den Kindern. Man hat sich kennen gelernt, man hat die Kinder kennen gelernt, man hat mit ihnen gespielt, hat sie raus genommen, sind raus gegangen, soweit es ging. Es war irgendwann Alltag, es gab immer mal wieder überraschende Momente. Es war sicherlich auch interessant zu sehen, wie die Mitarbeiter dort mit den Kindern umgegangen sind und wir waren natürlich nicht mit allem einverstanden. Wir haben aber auch gesagt bekommen, wir sollten bisschen vorsichtig sein, das ist halt eine ganz andere Philosophie, wie man halt damit umgeht in Russland und wie wir das halt von Deutschland gewöhnt waren.

Wo hast du die Kraft gefunden das ganze Jahr zu bleiben. Es war ja sehr anders als in Deutschland und wie war die Arbeit in Russland? Wie hast du dich motivieren können?

Von den Mitfreiwilligen und der schönen Stadt, ich habe das sehr genossen, dass wir wirklich im Zentrum von Petersburg gewohnt haben. Wir haben versucht viel Kultur, viel der ganzen tollen Angebote in Petersburg da mitzuerleben und mitzubekommen. Das war so eigentlich unsere, oder zumindest meine Kraftquelle. Ich hatte eine sehr nette Russischlehrerin – ich durfte Russisch lernen und da war es auch noch mal so, dass da viel Landeskunde oder „typisch Russisches" dazu kam. Was natürlich auch zum Verständnis beigetragen hat, dass man sich wohl gefühlt hat.

Bist du ohne russische Sprachkenntnisse nach Russland gekommen?

Ja, ich hatte zwar in der Schule Russisch, aber das hat bei weitem nicht ausgereicht. Das kam dann erst.

Wie war es im Projekt – also in Pawlowsk ohne die Sprache zu sprechen? Wie hast du dich gefühlt?

Das war irgendwie so ein Phänomen, wenn man Leuten sagt, man versteht sie nicht, fangen sie an laut zu sprechen. Das war auch dort so. Man wurde dann sehr laut immer angesprochen. Verstanden haben wir trotzdem nicht das, was wir wahrscheinlich sollten, aber irgendwie ging das alles. Ich hatte jetzt nicht das Gefühl, dass wir da nicht verstanden worden sind, oder es immer zu Missverständnissen kam, weil wir die Sprache nicht beherrscht haben. Man hat schon eine Art der Verständigung gefunden. Also die Sanitarkas waren da sicherlich geduldig mit uns und haben sich gefreut, wenn wir mal wieder was gelernt haben und was geantwortet haben, was wahrscheinlich richtig war.

Schön! War es nach dem Freiwilligen Dienst schwer nach Deutschland zurückzukommen? Also sich nach einer so langen Zeit wieder in Deutschland zu integrieren?

Also in die Richtung ging es jetzt eigentlich nicht so schwierig, aber man hat sich schon zwischendurch gewundert. Oder man hat dann Vergleiche angestellt. In Russland ist es so, in Deutschland ist es so. Warum ist das so? Beziehungsweise „da gibt es Sachen, die waren viel lustiger oder netter" und genauso andersrum auch. Das ist einem schon bewusst geworden, oder mir ist es bewusst geworden, wo ich her komme. Dass es also schon eine Rolle spielt, wo man geboren wurde und wie man auf die Welt guckt.

Hast du noch Kontakt zu den ehemaligen Freiwilligen aus deinem Freiwilligendienst? Oder auch zu jemandem aus Russland?

Ja, zu Assol. Wir sind immer noch gut befreundet und unser Jahrgang „die Russland-Freiwilligen", die alle so in Petersburg, beziehungsweise wir hatten sogar einen, der war damals in Perm, wir haben jetzt bis zu Corona versucht uns im Jahr einmal zu treffen.

Das ist toll!

Assol und ich leben beide in Dresden, also wir sehen uns auch so ab und zu mal und ihre damalige Russischlehrerin, wir (meine Familie und ich) waren vor drei, nein mittlerweile vier Jahren, in Karelien nochmal zum Urlaubmachen. Dabei haben wir in Petersburg Halt gemacht und Assols ehemalige Russischlehrerin getroffen, meine ist mittlerweile leider verstorben, deswegen konnte ich sie nicht mehr besuchen. Also bisschen Verbindung gibt es immer noch.

Wegen den Verbindungen, warst du nach deinem Freiwilligen Dienst noch einmal in Russland?

Ja, ich meine sogar noch mal zu einem Feriencamp, was mit einigen Kindern aus Pawlowsk stattgefunden hat. Da war ich mit einer anderen Freiwilligen und einer Holländerin zusammen als Unterstützung mit da.
Dann habe ich noch ein Praktikum in Russland gemacht, das allerdings im Ural, also in Perm. Dabei war ich natürlich immer mal wieder in Petersburg gewesen. Das letzte Mal jetzt vor 3 Jahren.

Machst du auch etwas zusammen mit den deutschen Perspektiven, oder nicht?

Ich habe keine offizielle Funktion, dadurch, dass ich Assol ganz gut kenne, bekomme ich immer Informationen und war schon auch bei einem Vereinstreffen. Eine Mitgliedschaft habe ich nicht, ich habe schon andere Vereine. Aber ich bin eigentlich, denke ich, ganz gut informiert durch Assol über Perspektiven, sodass ich da immer mal die neusten Entwicklungen mitbekomme.

Nun zur letzten Frage: waren die Erfahrungen, die du in Russland gesammelt hast, in deinem späteren Leben nützlich oder nicht?

Sehr, würde ich sagen, zumindest hat es sehr geprägt, es war ein sehr intensives und spannendes Jahr und hat schon auch für das weitere Leben geprägt.


Am Text haben gearbeitet: Anastasia Smirnowa, Jennifer Lösel, Polina Boris, Anna Tschernawskaja.
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