Interview mit Mariia Ikliushina

Mascha, du bist jetzt in der Stiftung „Helles Leben" tätig und bist vor 18 Jahren als Freiwillige für ein Freiwilliges soziales Jahr nach Deutschland gegangen. Dieser ganze Weg in die Wohltätigkeit – waren dies für dich miteinander verbundene Ereignisse?

Zweifellos ja. Für mich ist der Weg als Freiwillige und seine Fortsetzung die gleiche Geschichte. Ich kann sagen, dass es in gewisser Weise mein Leben geprägt hat, obwohl ich viele Bekannte und Freunde habe, die ihr Freiwilligenjahr in Deutschland genauso gemacht und ihr Leben nicht verändert haben. Und bei mir war es so, dass ich angefangen habe und es hat mich gefesselt.

2004. Wie alt warst du damals?

Ich wurde damals gerade beim Einführungsseminar in Deutschland 21 Jahre alt.

Wie hast du das alles angefangen?

Davor machte ich ein Freiwilliges Jahr im Kinderheim Pawlowsk. Ich kannte das Programm „Freiwilliges soziales Jahr in Deutschland" und beschloss, mich für diese Reise zu bewerben. Tief in meinem Herzen hatte ich große Angst, ich dachte: Wie ist das für ein Jahr in ein anderes Land zu gehen? Und als ich erfuhr, dass ich die Auswahl bestanden hatte, dachte ich: Oh Gott, nein! Ich würde also nicht behaupten, dass ich wirklich dorthin fahren wollte. Aber ich wusste, dass dies für mich ein gewisser Wachstumspunkt sein würde. Auch Dinge, die mich erschreckten - ich wusste, dass es für mich ein großer Schritt vorwärts sein würde. Ich kannte die Sprache nicht. Mir war klar, dass es ein anderes Land ist und es keine einfachen Aufgaben geben würde. Man könnte sagen, ich wäre auf der Suche nach diesen Schwierigkeiten, ich fuhr, um etwas zu erleben, etwas zu durchmachen, zu fühlen und zu verstehen.

Das heißt, obwohl du bereits Erfahrung mit ziemlich schwierigen Kindern in Pawlowsk hattest, hattest du nicht weniger Angst als diejenigen, die zum ersten Mal von unseren Schützlingen erfahren haben?

Ja. Und ich habe wahrscheinlich den Unterschied in der Arbeit mit Behinderten in Russland und Deutschland erkannt, und vor 18 Jahren war es im Allgemeinen wie Himmel und Erde. Ich wusste, dass die Ankunft deutscher Freiwilliger eine Erlösung für uns war, weil die Arbeit jedes Freiwilligen in einem PNI oder Kinderheim wertvoll, ja Goldes wert war, so war es früher, so ist es jetzt. Ich dachte, dass man mich in Deutschland wahrscheinlich nicht so viel brauchen würde, weil es dort im Prinzip schon gut war, es war alles anders. Und ich wusste nicht, wie man mich als Ausländerin behandeln würde.

Wie war es denn? Erzähl mir von deinem ersten Eindruck.

Wir fuhren mit einem Zug nach Deutschland, der Weg war lang. Als ich dann andere Reisen mit dem Flugzeug unternahm, wurde mir klar, dass eine lange Zugfahrt eine Rolle gespielt hatte. Vor 18 Jahren reiste man nicht so viel wie heute, und seelisch musste dieser Weg «durchfahren» werden. Und es war großartig. Der erste Eindruck... Wir kamen an, Sommer, August, Blumen, es war schön. Ich erinnere mich an diesen Weg von Berlin nach Dresden in verschiedenen Zügen, als wir uns nur umsahen, auf Lichtungen und Felder, Blumen und Bahnhöfe, es war lustig, als ob wir in eine andere Welt gekommen wären.

Deutsche Freiwillige werden immer noch mit dem Bus geschickt, damit sie gewisse Veränderungen in ihrem Leben verspüren, den Übergang, den Umzug von Deutschland nach Russland... Es ist Zeit, sich zu überlegen, wohin man geht und was einen da erwartet. Wie viele Freiwillige sind mit dir aus Russland gefahren?


Wir waren 10-12 Leute. Wir kamen an und verbrachten zwei Wochen in einem Seminar mit deutschen Freiwilligen, die danach für ein Freiwilligenjahr nach Russland oder in die Ukraine reisen mussten. Wir hatten einen solchen Austausch von kulturellen Eindrücken und Meinungen. Und parallel haben wir Deutsch gelernt, was auch sehr wichtig war. In dieser Zeit konnten wir uns kennenlernen, uns in Deutschland umsehen, uns über unsere zukünftigen Arbeitsplätze informieren. Es war eine sehr wichtige Zeit. Es ist cool, dass es diese zwei Wochen gibt, die deutsche und russische Freiwillige zusammen verbringen.
Zwei weitere Wochen verbrachten wir in Aachen mit anderen Freiwilligen, die aus anderen Ländern, aus Rumänien, Ungarn, Polen, der Ukraine zum Freiwilligenjahr gekommen waren.

Was war dir in der Vorbereitungsphase am wichtigsten? Gab es einen Rat, der dir während der Freiwilligenarbeit geholfen hätte?

Ehrlich gesagt kann ich mich nicht an einen konkreten Rat erinnern. Aber es war mir im Kopf, dass ich unbedingt Deutsch lernen musste. Für mich war das eine Priorität. Ich fing an, es ein paar Monate vor meiner Abreise in einem von Perspektivy angebotenen Kurs zu lernen. Ich habe die Sprache sehr intensiv gelernt, ich wusste, dass es ohne Sprache sehr schwer werden würde. Ich mochte die Sprache. Ich habe viel Kraft investiert und es hat sich herausgestellt, dass ich, als wir in Deutschland im Sprachkurs in Gruppen eingeteilt wurden, nicht in die Anfänger, sondern in die Mittelstufe aufgenommen wurde. Das hat mir geholfen. Als ich am Arbeitsplatz ankam und mich auskennen und reden konnte, war das großartig. Ich kann mir nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn ich überhaupt nicht sprechen könnte, das wäre furchtbar. Obwohl ich weiß, dass einige ohne Sprache kommen und irgendwie doch zurechtkommen.

Wo hast du dein Freiwilliges Jahr verbracht?

In der Kleinstadt Schorndorf in Baden-Württemberg neben Stuttgart. Mein Arbeitsplatz war in einer Werkstatt für Menschen mit spezifischen Problemen: mit Depressionen, Schizophrenie, Manie. Es gab ziemlich einfache Handarbeiten – verschiedene Aufträge von verschiedenen Unternehmen. Erst jetzt, wo viele Jahre vergangen sind, weiß ich, wo ich gearbeitet habe. Aber damals war ich sehr jung und hatte absolut keine Informationen über irgendwelche Besonderheiten. Ich behandelte Menschen nicht als Kranke oder Schützlinge. Ich war mit ihnen auf der gleichen Welle, und das war wichtig.

Und erzähl mir mehr darüber, was hast du getan?

Wir haben so viele Dinge gemacht... Zum Beispiel haben wir Steckdosen gebaut. Es ist so eine einfache Arbeit. Zum Beispiel schickt ein Unternehmen verschiedene Teile von diesen Steckdosen und die Aufgabe ist es, sie richtig zu montieren und zu überprüfen, dass sie funktionieren. Ich habe es auch getan, weil wir uns unterhalten haben, als wir zusammen arbeiteten. Für mich war es wichtig, einen Sinn für meine Arbeit zu finden. Da es professionelle Mitarbeiter gab, brauchten sie meine Arbeit nicht als solche. Und die Aufgabe der Werkstatt lag nicht in der Anzahl der erstellten Produkte, sondern eher in der Beschäftigungstherapie. Am Anfang war ich ein bisschen verloren, ich fühlte mich nicht gebraucht. Und deshalb habe ich mich mit den Menschen unterhalten. Wahrscheinlich war es mehr von meiner Seite für sie psychologische und seelische Unterstützung.
Dann fing ich an, Feste zu gestalten. Wir bekamen ein Musikinstrument in den Speisesaal, sangen regelmäßig Lieder und spielten Instrumente. Schließlich war die Arbeit Routine, sie ermüdete. Viele von ihnen waren Familienmenschen, die etwas im Leben erreicht haben, aber sie hatten ein Problem und landeten hier. Solche Entlastungsmomente waren für sie sehr erfreulich. Ich habe mir auch einige interessante Aktivitäten ausgedacht: Wir haben zum Beispiel Seife gekocht und auf der Messe verkauft. Ich habe selbst nach etwas gesucht, das ich nützlich finden konnte. Dadurch was ich konnte – Kreativität und Kommunikation. Es ist natürlich spannend, mich jetzt daran zu erinnern, alles belebt sich wieder.

Hast du Kontakt zu allen gefunden?

In meiner Gruppe ja. Es gab, glaube ich, 5 Frauen und 10 Männer. Bei den Frauen hat es auf einmal geklappt. Aber auch bei Männern. Zum Beispiel gab es so einen wunderbaren Herr Neumann, für mich wurde er sogar wie mein Onkel oder ein Verwandter, so hat sich bei uns eine «Liebe» entwickelt. Dabei haben wir uns sehr respektvoll behandelt, immer auf «Sie» angesprochen. Auch von seiner Seite gab es viel väterliche Fürsorge. Andere Männer aus der Gruppe waren aufgrund der Art der Krankheit verschlossener, aber es scheint mir, dass ich mich mit allen angefreundet habe. Es gab allerdings einen schwierigen Fall für mich... Ich bin halt froh, dass dieser Mann die Gruppe verlassen hat. Er hat angefangen, auf mich als Frau zu achten, wir waren gleichaltrig. Aber ich war eine Freiwillige und er war ein Schützling. Es war sehr schwer für mich, ich wusste nicht wirklich, wie ich mich verhalten sollte und kannte die Eigenschaften von Krankheiten nicht. Und außerdem habe ich noch schlecht Deutsch gesprochen. Und er hat sich wiederum ziemlich unberechenbar verhalten, und das war für mich moralisch schwer. Deshalb war ich dann froh, dass er aus irgendeinem Grund aufhörte, die Gruppe zu besuchen. Der Ort, an dem ich gearbeitet habe, nahm selten Freiwillige auf. Russische Freiwillige arbeiteten nach mir nicht mehr dort.

Wie haben dich die Werkstatt-Klienten im Allgemeinen wahrgenommen?

Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Vielleicht am Anfang mit Ironie, weil dort erwachsene Menschen waren, und ich war ein Mädchen, das auch nicht sehr gut Deutsch gesprochen hat. Ich war dort, lächelte. Ich erinnere mich, dass ich nicht wusste, wie ich eine Kommunikation starten konnte. Es gab Pausen, als ein Teil der Leute nach draußen ging, um zu rauchen, und ich ging mit ihnen hinaus. Und dort habe ich ihnen alle Fragen gestellt, die ich auf Deutsch kannte: „Wie heißt du? Was machst du? Wo wohnst du?". Ich denke, sie haben gesehen, dass ich versucht habe, zu kommunizieren. Alle waren höflich. Ich erinnere mich nicht an eine negative Einstellung. Ich glaube, es hat ihnen sogar gefallen, dass ich mit ihnen auf Augenhöhe war: Sie hatten ihre eigenen Probleme, und sie haben mir mit Deutsch geholfen. Ich habe die ganze Zeit Deutsch gelernt, während ich dort war (was ich allen Freiwilligen rate, das hilft bei der Arbeit und im späteren Leben). Wir haben es so gemacht: Ich setzte Leute aus der Gruppe herum, verteilte meine Vokabelkarten und lernte viele neue Vokabeln mit ihrer Hilfe. So haben sie mir auch geholfen.
Vor mir gab es ein paar deutsche Freiwillige, die dort arbeiteten, sie hatten doch einen etwas anderen Status. Und ich dachte selber aus, was ich mache. Übrigens haben wir auch Töpfe in irgendeinem Stil bemalt. Ich habe viele Dinge ausprobiert. Das war mir wichtig und ich habe Unterstützung von meinem Vorgesetzten erhalten, er hat gesehen, dass es sich positiv auf die Schützlinge auswirkt.

Warst du nicht traurig, dass du dort alleine ohne ein Team von Freiwilligen warst? Oder hatte das im Gegenteil seine Vorteile?

Ich denke, wenn es andere Freiwillige gäbe, würde es mir mehr Spaß machen. Weil dieser Status... Du bist eine Freiwillige, und es gibt Schützlinge, Mitarbeiter, andere Leute, und du bist eine Freiwillige. Dabei sind deine Funktionen ziemlich verschwommen. Ja, es würde mehr Spaß machen.

Hast du weit weg von der Werkstatt gelebt? Wie waren die Bedingungen überhaupt?

Ich habe etwa 20 bis 25 Minuten zu Fuß von der Werkstatt gelebt. Es gab keinen Transport. Ich ging zu Fuß zum Arbeitsplatz und es hat mir immer gefallen: Es gab schöne Orte dort. Ich habe mit einer anderen Freiwilligen in einer Wohnung gelebt, mit einem Mädchen, das in einem betreuten Wohnhaus arbeitete.

Woer kam das Mädchen?

Aus Sankt Petersburg, wir sind zusammengekommen. Das war auch meine große Unterstützung. Und eine andere Freundin von mir lebte in einer anderen Stadt, die 30 Minuten mit der Bahn von mir entfernt war, und wir haben uns regelmäßig getroffen. Das war wichtig. Eine andere Freundin von mir kam nach Hamburg und war dort absolut bei ihrer Arbeit allein, ohne andere Freiwillige überhaupt. Das war schwierig für sie. Das ist sehr gut, mit anderen Freiwilligen zu sein.

Haben deine Schützlinge und Kollegen nach Russland gefragt?

Ich kann mich nicht erinnern, dass sie viele Fragen gestellt hätten. Ich erinnere mich an einen nicht sehr positiven Moment. Wir haben uns auf Weihnachten vorbereitet und Tische im Speisesaal gedeckt. Es gab sehr viele Weihnachtsplätzchen, es gab fast nur Weihnachtsplätzchen. Und ein Mitarbeiter hat mich gefragt: „Ist das toll?". Ich sagte fröhlich (wegen des Feiertags): „Ja!". Und er: „In Russland gibt es wahrscheinlich nur Kartoffeln, oder?".
Er hatte einige Freunde, die in die Mongolei gereist waren, zu sehr entfernten Orten, wo man vielleicht wirklich nur Kartoffeln aß. Und es tut mir so leid, dass mir damals die deutschen Worte fehlten, um ihm zu erzählen, dass wir bei den Festen normalerweise viel und lecker essen. Dass wir unterschiedliche Salate und andere leckere Gerichte haben…

Und sonst gab es einen Moment, in dem du deine Kultur präsentieren konntest, den Ort, wo du herkommst? Gab es so etwas im Rahmen deines Freiwilligenjahres?

Unter den Freiwilligen ja. Bei den Seminaren, zu denen wir aus ganz Deutschland in die Koordinierungsstelle kamen, gab es nationale Abende. Und auf einem mussten wir Russland vorstellen. Gleichzeitig haben wir unserem ukrainischen Kollegen geholfen, weil es eine Zeit war, in der wir uns nicht als etwas Separates wahrgenommen haben. Die ukrainischen Freiwilligen haben zusammen mit uns Russland vertreten, und wir haben zusammen mit ihnen die Ukraine vertreten. Und wir haben so kreative Leute gefunden, dass wir coole Inszenierungen gemacht haben. Eine Freiwillige war Choreografin. Und es gab auch einen Regisseur. Wir haben musikalische Theateraufführungen mit Liedern, Tänzen, mit einer Idee und Sinn gemacht, das war sehr toll. Ich bin immer noch stolz darauf, denn unsere russische Gruppe hat sich ausgezeichnet, wir haben sehr schön über Russland und die Ukraine erzählt. Jetzt kann ich nicht einmal glauben, dass wir über uns als ein Land gesprochen haben.
Ich erinnere mich noch an einen bemerkenswerten Moment, dass Pater Rieth, der Gründer von ICE (deutscher Verein Initiative Christen für Europa), bei diesen Theateraufführungen anwesend war. Er war ein Mensch, der mir sehr wichtig und lieb war. Und ich erinnere mich, dass alles ihn sehr gerührt hat. Weil er ein SS-Soldat war und in Russland kämpfte, und er hatte seine eigenen Gefühle und Erfahrungen. Es hat ihn gerührt, wie wir das letzte Lied „Ich werde nachts mit dem Pferd in das Feld gehen" gesungen haben und wie wir uns alles zu Herzen genommen haben. Er hat sich gefreut, als die ukrainischen nationalen Lieder gesungen wurden…

Erzähl mir mehr über Pater Rieth, denn ich erinnere mich, dass es eine markante Figur für dich ist. Wie habt ihr euch kennengelernt und warum wurde er zu einer so wichtigen Person für dich?

Ich habe ihn geliebt, bevor wir uns persönlich kennengelernt haben, weil er den Krieg durchgemacht hat und nach dem Krieg einen inneren Umbruch erlebte, als sich alles anders erwies, als er es glaubte. Und er hat sich sein ganzes Leben dafür eingesetzt, dass es keinen Krieg gibt. Das heißt, er hat soziale Jugendprojekte gegründet, die die Beziehungen zwischen den Ländern gefördert haben. Er glaubte, wenn ein junger Mann ein Jahr in einer sozialen Arbeit in einem anderen Land verbringen würde, würde er es nicht in den Krieg ziehen. Das ist der Trick dieses ganzen Projekts, wie ich mich an seine Worte erinnere. Es stellte sich heraus, dass er während meines Freiwilligenjahres auf mich aufmerksam wurde, und am Ende, als ich mein Programm beendete, entwickelte er ein neues Projekt und zog Freiwillige aus jeder Gruppe, die in Deutschland waren, an und lud mich ein, weiter mitzumachen. Er hatte die Idee, neue soziale Projekte in Russland und Rumänien zu entwickeln... Seitdem haben wir Kontakt aufgenommen, ich habe ihn einer Organisation vorgestellt, die Menschen in Gefängnissen geholfen hat, und dann habe ich sechs Jahre lang Gruppen von Menschen nach Deutschland gebracht, die im Strafvollzugssystem in Russland arbeiteten, damit sie dort Erfahrungen austauschten. Es war eine wichtige Geschichte. Die Leute, die bei uns mit Gefangenen und Drogenabhängigen arbeiten, haben beobachtet, wie es in Deutschland vor sich geht. Dies wurde bereits innerhalb einer anderen Organisation durchgeführt. Er gründete eine andere Stiftung, von der diese Arbeit gefördert wurde. Aber tatsächlich blieb die Idee von Pater Rieth gleich. Das waren Hilfe und Entwicklung sozialer Projekte, ein solcher Kontakt zwischen den Ländern und eine gemeinsame Sprache.

Hast du noch Verbindungen nach Deutschland?

Momentan habe ich nicht viele Kontakte. Es gibt eine Verbindung zu meinen Freundinnen, die dort leben, die dort Freiwillige waren, die ich schon als Koordinatorin dorthin geschickt habe. Es gibt auch eine Familie, mit der ich befreundet war, sie waren meine engen Freunde in der Stadt, in der ich lebte. Mit dem Arbeitsplatz gibt es jetzt keinen Kontakt mehr, weil die Zeit schon vergangen ist. Die ersten Jahre habe ich Leute besucht.

Du erwähntest Freundinnen, die in Deutschland geblieben sind. Hattest du noch nie solche Gedanken?

Ich hatte zuerst eine enge Freundin von mir, sie hat sich dort verliebt. Sie haben 6 Jahre in Deutschland gelebt und dann zogen sie um. Jetzt leben sie in Odessa in der Ukraine, sie haben dort ein Unternehmen und eine große Familie. Auch ihr russlanddeutscher Ehemann ist gerne weggefahren.
Jetzt wohnt dort eine andere Freundin von mir. Sie heiratete viele Jahre später nach dem Freiwilligen Jahr. Auch ihr geht es gut, sie hat ihre große erfolgreiche Tanzschule in Stuttgart. Was mich betrifft, nein, ich hatte keine Lust dort zu bleiben.

Warum? Hast du Russland vermisst? Hattest du eine Mission, genau zu „Perspektivy" zurückzukehren und deine Aktivitäten fortzusetzen?

Ich hatte einen gewissen Stolz. Ich weiß nicht... Es gibt gewisse Stereotypen, dass junge Frauen aus Russland wirklich nach Deutschland reisen, heiraten und dort bleiben wollen. Ich hatte den Gedanken: „So bin ich nicht". Das klingt vielleicht albern, aber in meinem Fall war es so.

Wie meinst du, warum im Laufe der Jahre der Anteil derjenigen, die bleiben, zunimmt?

Ich kann nur vermuten… Damals, als wir nach uns Deutschland begaben, fing es erst an mit dem Internet. Zum Beispiel habe ich in jenem Jahr gerade angefangen, die E-Mail zu benutzen. Wir haben miteinander kommuniziert, uns gegenseitig Briefe geschrieben. Ich habe einen Stapel solcher Briefe aus diesem Briefwechsel mit anderen Freiwilligen, als wir in Deutschland lebten. Wir haben mit einer Telefonkarte telefoniert, diese Anrufe waren ziemlich teuer. Einmal in der Woche haben wir zu Hause angerufen. Vielleicht liegt das daran, dass es jetzt sehr einfach ist, diesen Kontakt aufrechtzuerhalten. Man kann per Video, Messenger kommunizieren. Wir hatten 2004 nur SMS, Telefonkarte und Post. Vielleicht liegt es daran, dass die allgemeine Einstellung zum Reisen, zum Leben im Ausland eine andere ist. Damals war es „Oh, du bist irgendwo hingereist, nach Deutschland!". Jetzt ist es in Ordnung, in einem anderen Land zu leben. Es ist normal, für eine Weile für ein Jahr in ein anderes Land zu kommen, um zu leben. Vielleicht lernen die Freiwilligen jetzt mehr die Sprache. Vielleicht liegt es an der Mentalität, und es ist einfacher für Leute, einen Kontakt zu finden. Das alles ist jetzt meine Vermutung. Ich habe nicht darüber nachgedacht, aber das kann ich mir vorstellen.

Du hast die Mentalität erwähnt. Was hat dich damals in Deutschland und an den Deutschen überrascht?

Ich war überrascht von ihrer Höflichkeit und Freundlichkeit. Das Gefühl der Sicherheit war da. Wir kamen im Sommer an, die Sonne schien, das Wetter war warm, Blumen blühten, alle lächelten.

Und wie hast du es geschafft, in das Thema Arbeit in Deutschland mit Menschen mit Behinderung einzutauchen? Was war neu für dich und was hast du von dort mitgebracht?

Ich habe einen großen Unterschied in der gesamten Struktur als Ganzes gesehen, wie behinderte Menschen überhaupt leben, wie ihr Leben gestaltet wird. Damals gab es noch nicht so viele Fachkräfte im Kinderheim in Pawlowsk, es gab nicht so viel professionelle Unterstützung von „Perspektivy", und es war normal, dass Kinder zum Beispiel die ganze Zeit in Betten lagen. Wir haben damals gerade angefangen, sie in Rollstühle zu setzen. Es ist wichtig, dass das Kind nicht nur liegt, sondern zum Beispiel auch sitzt. Zumindest. Im Idealfall natürlich, dass es irgendwo hingeholt wird und überhaupt den Platz wechselt.
Wenn es die ganze Zeit passiert und du nichts anderes siehst, ist es irgendwie normal – hier ist ein liegendes Kind und es liegt. Aber wenn man sieht, was anders ist, dann ist es verdammt nochmals nicht normal. Es ist nicht normal, dass es liegt, es ist nicht normal, dass es nicht genommen wird. Es ist überhaupt nicht normal, dass es generell in einem Kinderheim lebt und dass es so behandelt wird. Wenn man sieht, wie behinderte Menschen in Deutschland behandelt werden... Sie haben ein gefülltes Leben, ihre Freizeit wird gestaltet, man begegnet ihnen in einem Café mit einem Lächeln. Auf den Straßen sieht man sie nicht mit Angst an. Die Leute lächeln ihnen zu. Dann verstehst du, dass dies und das hier nicht normal ist.

Ja, das ist eine sehr wichtige Geschichte. Ich glaube, mit dieser Mission hat man in vielerlei Hinsicht Freiwillige nach Deutschland geschickt, damit die Menschen, die zurückkommen, das Wissen über solche Menschen weitertragen und nach und nach ihren kleinen Kreis, mit dem sie kommunizieren, dann ihren großen Kreis verändern. Damit die Akzeptanz solcher Menschen bei uns steigt. Und obwohl das Jahr 2022 bereits auf dem Kalender steht, ist es immer noch wichtig. Was hast du nach deinem Freiwilligendienst gemacht?


Nach einem Freiwilligenjahr bin ich noch ein halbes Jahr bei einem Projekt geblieben, von dem ich erzählt habe, wohin mich Pater Rieth eingeladen hat. Ein halbes Jahr lang habe ich in verschiedenen Einrichtungen ein Praktikum gemacht, hauptsächlich in Augsburg in Bayern. Ich habe sowohl in Zentren gearbeitet, in denen Drogenabhängigen geholfen wird, als auch in Kursen, um Menschen zu unterstützen, die aus Haftanstalten entlassen worden waren. Und als ich zurückkam, habe ich es einfach an verschiedenen Orten ausprobiert, zu arbeiten. Ich habe ein wenig im Fernsehen gearbeitet, Geschichten gemacht, Ankündigungen geschrieben. Dann wurde ich als Assistentin zu einem Qualifikationsseminar in Deutschland eingeladen. Und in diesem Seminar sagte Mascha Ostrowskaja, Direktorin von „Perspektivy": „Mascha, warum arbeitest du nicht bei uns?" Mir wurde angeboten, als Koordinatorin für Freiwillige im Pawlowsker Kinderheim zu arbeiten, und dann bin ich für viele Jahre bei „Perspektivy" geblieben.

Hat deine Erfahrung geholfen, die Deutschen zu verstehen, die als Freiwillige ins Kinderheim gekommen sind?

Ja, das hat mir natürlich geholfen, die deutschen Freiwilligen viel besser zu verstehen. Da ich ihre Mentalität, Kommunikationskultur, Interaktion, einige Arbeiter kenne.

Und dann hast du selbst angefangen, Freiwillige von Russland nach Deutschland in ähnliche Projekte zu entsenden, stimmt?

Ja. Nach meiner Arbeit im Kinderheim arbeitete ich vier Jahre im Perspektivy-Büro und war gerade dafür zuständig, russische Freiwillige nach Deutschland zu schicken und deutsche Freiwillige hier in Russland zu begleiten.

Und wie hast du die Freiwilligen schon aus der Sicht der Koordinatorin gesehen? Erinnerst du dich an diese Zeit?

Ja, ich erinnere mich an diese Zeit. Grundsätzlich scheint es mir, dass wir immer eine ziemlich strenge Auswahl hatten. Für uns war es sehr wichtig, dass die Menschen, die wir entsenden, mit der Arbeit, mit dem Aufenthalt zurechtkommen. Denn ein Freiwilligenjahr ist sehr cool und gleichzeitig sehr schwierig. Das ist auch von der kulturellen Seite nicht einfach, denn es ist eine neue Sprache und ein neues Land. Denn das ist eine Arbeit mit Menschen mit Behinderung, und da ist alles manchmal sehr anders. Also haben wir uns verschiedene Aspekte angeschaut. Mit den Jahren fängt man an sofort zu sehen, wer alles gut im Programm haben wird und wer sich eher nicht eignet.
Diese zwei oder drei Qualifikationstage, die wir mit potenziellen Freiwilligenkandidaten verbringen, schauen wir darauf, wie sie sich in verschiedenen Situationen verhalten, wie sie auf Dinge reagieren. Und ich habe mich oft davon überzeugt, dass sich alles bestätigt: Wo du gewisse Zweifel hast, Schwierigkeiten vermutest, kommt es zu Schwierigkeiten dann wirklich. Und wo es gut ist, ist es dann wirklich gut.

Was hat dir dieser Job als Koordinatorin gegeben?

Viel Freude, das ist das erste. Denn natürlich gab es auch viele Schwierigkeiten. Von den Freiwilligen kommt aber auch viel zurück. Grundsätzlich sind die Freiwilligen, die bereits im Programm bleiben, die ausgewählt wurden, jetzt meine ich diejenigen, die wir senden, und diejenigen, die bei uns in Russland arbeiten, das alles sind coole Leute. Und es war immer sehr cool, zu arbeiten, zu sehen, wie sich bei ihnen alles ändert. Das heißt, die Person kommt mit einer Weltanschauung, und dann ändert man sich nach einem Freiwilligen Jahr wirklich. Jeder Mensch, auch wenn er nie mit dem sozialen Bereich verbunden war oder ihn dann verlassen hat, entdeckt etwas in sich. Im Allgemeinen gibt es viel Positives von diesen Begegnungen. Ich habe es immer genossen, mit ihnen Tee zu trinken, wenn sie ins Büro kamen. Ich habe es genossen, mich mit ihnen zu unterhalten und herauszufinden, wie es ihnen ging. Feedback war nicht immer positiv, es gibt solche, die anspruchsvoll sind. Aber dennoch gibt es viel Positives. Ich bewahre alle Botschaften auf, die wir uns während der Seminare geschrieben haben, es ist mir wichtig.

Was würdest du jetzt den Freiwilligen wünschen, die sich Gedanken machen: Soll ich ein Freiwilligenjahr in Russland oder in Deutschland absolvieren?

Ich kann ihnen mit Sicherheit sagen, dass sie nicht dieselben bleiben werden. Und in dieser Hinsicht mag ich den Slogan, den ihr jetzt in der Werbung gebt: „Ändere ihr und dein Leben für ein Jahr". Denn das Leben verändert sich grundsätzlich und genau in eine positive Richtung. Es ist eine neue Erfahrung, eine Chance, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Denn wenn du in die Welt von Menschen mit Behinderung kommst, verändert das deinen Blickwinkel. Man wird sicher ein paar coole Leute kennenlernt, denn bei „Perspektivy" arbeiten zum größten Teil coole Leute. Hier finde ich eine sehr coole Unterstützung, eine sehr coole Begleitung der Freiwilligen, und man wird sich als Teil einer großen Sache fühlen, die echt ist. Das kann ich mit Sicherheit sagen, wenn ich auf meine Erfahrungen in der Wohltätigkeit zurückblicke. Man wird Gutes in diese Welt bringen (obwohl mir das Wort „Gutes" nicht sehr gut gefällt) und viel für sich nehmen. Und noch etwas ist wichtig. Ich weiß, dass es oft passiert, wenn Menschen in die Freiwilligenarbeit oder Wohltätigkeit gehen, dass eine solche Angst gibt, dass es einen in die Sache für immer hineinziehen wird. Ich hatte auch eine solche Angst. Aber es ist eigentlich nur ein Jahr, das man einfach abgrenzen kann: Dieses Jahr werde ich dieser Sache widmen. Man wird definitiv davon profitieren, weil man andere Menschen besser machen wird, und das ist schon cool: Man hat ein Jahr seines Lebens nicht umsonst gelebt. Außerdem lernt man viel Neues und man wird definitiv besser werden. Das ist was ich selber erlebt habe. Das ist etwas echtes, von dem ich hundertprozentig überzeugt bin.

Vielen Dank, Mascha. Ich wünsche dir viel Glück. Da dieser Weg der Wohltätigkeit für immer bei dir ist, möge er fröhlich und fördernd sein.

Vielen Dank. Und abschließend möchte ich allen sagen, die sich noch nicht als Freiwillige bei „Perspektivy" ausprobiert haben und noch zaudern, ob sie Freiwillige werden oder nicht, dass sie nicht zweifeln sollen, ein Freiwilliger zu werden ist ein richtiger Gedanke. Mach es einfach und du wirst es nicht bereuen

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