Interview mit Anastasia Smirnova

Da ist ein Gespräch zwischen zwei Freundinnen. Anastasia Smirnova ist eine Managerin der Freiwilligenbetreuung bei Perspektiven. Vor etwa zehn Jahren verbrachte sie in Deutschland ein Freiwilliges Jahr, deshalb kennt sie alle Einzelheiten dieses Prozesses gut. Evgenia Damme ist eine Teilnehmerin desselben Freiwilligen Jahres, wonach sie ein paar Jahre bei Perspektivy gearbeitet hatte. Jetzt leben beide Frauen in Berlin und haben für unsere Webseite ein Interview gemacht.

Du warst eine Teilnehmerin des Programms Das Freiwillige Soziale Jahr in Deutschland. Wo verbrachtest du es und was war deine Arbeit?

Ich war 2011-2012 in Deutschland eine Freiwillige, in einem kleinen Dorf in der Nähe von Stuttgart – in einer Stätte, wo Menschen mit Mehrfachbehinderungen wohnten. Ich arbeitete damals bei «Perspektivy» als Büroleiterin. Ich studierte abends, sollte bald das Studium absolvieren. Und als ich über dieses Programm erfahren hatte, dachte ich: „Warum nicht. Es gibt nichts außer Arbeit, was mich jetzt in Sankt Petersburg hält". Ich kam nach Hause, erzählte es den Eltern. Sie unterstützten meinen Wunsch, dieses Jahr abzuleisten. Und so beschloss ich, am Qualifikationsseminar teilzunehmen.

Und hattest du schon mit dem Ehrenamt verbundene Erfahrungen?

Ja, auch im sozialen Bereich, aber es war nicht mit Menschen mit Mehrfachbehinderungen verbunden. Mit einer meiner Bekannten, mit der wir studierten, half ich in einem Kinderheim in Volosovo -- es liegt ungefähr zwei Stunden von Sankt Petersburg entfernt. Wir organisierten Veranstaltungen und Feste, beschäftigten uns ein bisschen mit der Spendensammlung, suchten Bewirtungen für diese Feste, luden Künstler ein, unterhielten uns mit Kindern. Ein paar Jahre war ich darin tätig.

War es schwierig, an der Auswahlmaßnahme für dieses Projekt teilzunehmen und wie verlief sie?

Es gab ein Qualifikationsseminar, es dauerte, glaube ich, ein paar Tage, und dort waren andere Freiwillige und wohl auch einen Wettbewerb, aber ich erinnere mich daran schon nicht so richtig... Gab es einen Wettbewerb oder nicht, Shenja? Wir beide waren ja dabei.

Es gab einen Wettbewerb. Es gab zwei Qualifikationsrunden. In der ersten waren es sehr viele Menschen, in der zweiten konnten wir schon ungefähr vermuten, wer bleibt.

Aus irgendeinem Grund war ich selbstbewusst, weil ich wohl schon bei Perspektivy gearbeitet hatte, und ich hatte das Gefühl, dass ich bei diesem Seminar gut abschneide. Obwohl ich natürlich aufgeregt war. Wir lösten verschiedene Aufgaben. Es gab Einzel - und Gruppenarbeit und kreative Aufgaben. Es war etwas Neues, ich habe noch nie an so etwas teilgenommen. Damals war ich ziemlich schüchtern, und für mich war es ein Schritt aus der Komfortzone raus. Andererseits war es interessant.

War es schwierig?

Im Großen und Ganzen nicht, aber ich wiederhole, für mich war es ein Schritt aus der Komfortzone, deswegen war es – nach meinen Empfindungen – schwierig. Besonders einige Aufgaben, wo Szenen zu spielen waren... Und die letzte Aufgabe. Jetzt führe ich diese Seminare selbst durch und mag die letzte Aufgabe nicht, ich mache mir um die Leute Sorgen. Wenn man jedem Geld gibt und ich mich erinnere, dass ich damals nichts erhielt.

Decke das Spiel nicht auf…


Ich decke das Spiel nicht auf, aber ich möchte sagen, dass es für mich wirklich eine traurige Aufgabe war, weil ich Zeit dafür brauche, um mich mit Menschen zu befreunden, sie kennenzulernen. Und weil ich zu der Zeit gestresst war, lernte ich fast niemanden kennen und knüpfte keine „Kontakte".

Es ist ganz normal! Sage bitte, was fühltest du, als es klar wurde, dass du nach Deutschland
reist? Und wie reagierte man in deinem Umfeld darauf?

Ich war sehr froh, aber gleichzeitig sehr aufgeregt, weil dieses Gefühl, wenn man nicht weiß, was weiter passiert, was kommt, immer aufregend ist. Und meine Umgebung… Ich glaube, sie verstanden nicht ganz, worauf ich mich einließ. Nur die Eltern unterstützten mich, während alle anderen fragten: „Ein Freiwilliges Jahr? Und deine Karriere nach dem Studium?! Möchtest du nicht Geld verdienen und weiter etwas tun?" Bis jetzt ist es nicht breit bekannt, und früher hatte man umso mehr keine Ahnung, dass es Freiwilligen-Programme im Ausland gibt, die finanziert werden, und dass man auch das Taschengeld, die Unterkunft zur Verfügung bekommt und nicht nur anderen hilft, sondern auch sich selbst entwickelt.

Erzähle bitte, welche Deutschkenntnisse hattest du zu dieser Zeit?

Eigentlich hatte ich nie vor, Deutsch zu lernen, und wollte es auch nicht. Ich lernte immer Englisch, Deutsch kam mir sehr grob vor. Ich begann erst vor der Abreise Deutsch zu lernen und konnte in dem Moment nur so viel wie: „Hallo. Wie geht's?" Vor der Abreise hatte ich das Niveau A1. Wir hatten einen Sprachkurs in Deutschland, und im Projekt, wo ich Freiwillige war, war ein Sprachkurs, dieser war aber ziemlich seltsam. Ich glaube, dass ich nur in sechs Monaten zu sprechen begann, nachdem ich zu Neujahr nach Hause gefahren war, dann zurückkehrte - und es kam mir vor, als ob ich eine neue Begabung erhalten hätte. Alles bekam einen Sinn und es wurde leichter. Früher war es ohne Sprachkenntnisse schwieriger. Nicht alle Mitarbeitenden, besonders die älteren, in einem kleineren Dorf, wo ich war, sprachen Englisch.

Meinst du, wenn man sich traut, ein solches Freiwilliges Jahr in Deutschland zu verbringen, muss man wenigstens etwas Deutsch lernen?

Ja, ich denke, dass es für die Person selbst wichtig ist, damit man schnell integriert und sozialisiert wird und die vorhandene Zeit in vollem Maße genießen kann.
Erzähle, welche Schwierigkeiten hattest du während deines Freiwilligen Sozialen Jahres, welche Vor- und Nachteile erkennst du in diesen Erfahrungen?

Mein Projekt war recht kompliziert. Ich weiß, dass es jetzt nicht mehr existiert. Es war schon damals im Auflösungsprozess. Da ich noch jung war, keine Erfahrung hatte und meine Grenzen nicht schützen konnte, wurde auf mich sehr viel Arbeit geschoben. Es gab Schichten, in denen ich allein arbeitete, was für eine Freiwillige unzulässig ist. Ich kam nicht so gut mit dem Team aus, aber ich tat eigentlich nichts, damit sich die Verhältnisse anders entwickelten. Es erschwerte die Situation auch, dass ich die Sprache nicht konnte und mich nicht darüber äußern konnte, was ich alles besprechen wollte, und behielt das alles bei mir.
Das waren Schwierigkeiten. Aber indessen gab es einige schöne Momente. Ich versuchte doch darüber zu sprechen, dass ich Schwierigkeiten im Team habe, und ich erinnere mich daran, dass ich schon in der zweiten Hälfte des Freiwilligen Jahres Menschen in meiner Freizeit begleitete. Ich meine, dass etwa fünf Menschen mit Mehrfachbehinderungen sich versammelten. Ich und ein Kollege von mir fuhren zu ihnen und verbrachten Zeit mit ihnen, wir unterhielten uns. Das war sehr cool.
Was die größte Vorteile angeht, fand ich in diesem Freiwilligenhaus neue Freunde. Zum Beispiel, Shenja, mit der wir bis jetzt befreundet sind - schon fast zehn Jahre lang.
Ich lernte allein zu leben, Schwierigkeiten zu bewältigen und machte die Erfahrung des Lebens in einem fremden Land. Wir reisten viel mit Shenja.

Sag mir bitte, hat ein Freiwillige genug Geld um komfortabel zu leben?

Ja, ich glaube, dass es genug ist. Nicht so dass man auf großem Fuß lebt. Aber es reicht, um ein bisschen zu reisen, sich zu kleiden und ordentlich zu essen.

Was ist deiner Meinung nach der Unterschied zwischen dem Leben von Menschen mit Behinderungen in Russland und in Deutschland?

Ich meine, der größte Unterschied besteht in der Lebensqualität. Bei uns wohnen diese Menschen meist in Pflegeheimen, in großen Systemen, in Mehrbettzimmern und sind von der Gesellschaft ganz abgesondert. In Deutschland ist es nicht so: Menschen wohnen auf jeden Fall in Einzelzimmern und dort gibt es viel mehr Personal und Sozialisation: Sie sind tagsüber beschäftigt, sie bleiben nicht den ganzen Tag in ihren Zimmern. Man geht an Menschen individuell heran, auf deren Wünsche wird Rücksicht genommen.

War es schwierig für dich, dich mit deinen Schützlingen zu verständigen?

Ich glaube, dass mir die Kommunikation mit den Schützlingen leichter als die mit Kollegen fiel, mit ihnen konnte ich mit Gesten, Intonation alles klären - sie verstehen diese sehr gut. Wir konnten uns verständigen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits einen kleinen Wortschatz.

Wie ist die Einstellung gegenüber Freiwilligen in Deutschland? Ist es dort üblich, dass Menschen ein Freiwilliges Jahr durchlaufen?

Na ja, Teilzeitbeschäftigung. Man macht dieses Jahr um nachzudenken, was man weiter machen möchte, oder sich in einem neuen Beruf auszuprobieren, zum Beispiel im sozialen Bereich, wenn man dort arbeiten möchte. Oder nach der Schule, um Punkte für einen Studienplatz zu bekommen. Deshalb ist es dort normal.

Hast du Russland vermisst?


Ja, aber ich hatte es immer im Kopf, dass ich zurückkehre, wenn das Jahr vorbei ist. Ich vermisste Russland, meine Familie und Freunde sehr. Aber immer wenn ich verreisen wollte, dachte ich daran, dass ich erstens eine Verantwortung gegenüber der Organisation trug. Und zweitens sagte ich mir, dass ich es schaffe und diese Erfahrung bekomme.

Was denkst du, warum kehren einige Freiwillige nicht in die Heimat zurück? Vor allem in den letzten Jahren. Alle, die in unseren Freiwilligen Jahren hingefahren waren, kehrten zurück.

Erstens verschlimmert sich die Wirtschaftslage. Zweitens werden im Programm immer mehr Menschen eingesetzt, die sich im sozialen Bereich weiterentwickeln möchten. Wenn es in Deutschland die Möglichkeit gibt, ein gutes Gehalt und Zuversicht zu haben bleibt man dort. Oder man will dort weiter studieren. Eigentlich ist es sehr traurig.

Ja, ich denke auch so, dass es traurig ist. Danke, Nastja. Wenn du etwas den neuen Teilnehmern des Freiwilligen Sozialen Jahres wünschen möchtest – bitte.

Ich glaube, wenn die Idee eines solchen Engagements einfällt für ein Jahr nach Deutschland oder in ein anderes Land zu gehen – sollte man dies ohne Bedenken tun. Tatsächlich ist es eine große Erfahrung, in der nicht nur wir etwas lernen, sondern auch sich neue Perspektiven eröffnen. Wir lernen eine neue Kultur und eine andere Lebensweise kennen. Ich meine, dass es später hilft, mehr zu sehen als das, was man in Fußnähe hat.

Ich bin mit dir völlig einverstanden und würde sagen, dass es eine äußerst lehrreiche Erfahrung ist. Wenn Sie eine solche Möglichkeit haben – verpassen Sie diese nicht.

Das Gespräch wurde von Evgenia Damme geführt

БЦ "Радиус", Волковский пр., 32, Санкт-Петербург, 192102

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