Interview mit Angelina Starikowa

Wieso hast du dich dazu entschieden Freiwillige zu werden?

Ich wollte Freiwillige werden, weil der Umgang und die Arbeit mit Menschen mir Freude machen. Mich hat besonders die Möglichkeit gereizt, Menschen aus einer anderen Kultur und mit einer anderen Mentalität kennenzulernen.

Hattest du bereits Erfahrung im Ehrenamt/in der freiwilligen Arbeit?


Ich bin auf eine christlich-protestantische Allgemeinschule gegangen – im Mittelpunkt stand dort die Zusammenarbeit mit Menschen und die aktive Teilnahme an außerschulischen Prozessen und Bildungsfahrten. Deshalb würde ich sagen, ja.

War das Auswahlverfahren für dich schwierig?

Zuerst war ich sehr verunsichert, doch als ich dann da war und die anderen Teilnehmerinnen und Organisatoren kennengelernt habe und gemerkt habe, dass alle dort echt großartige Leute sind, habe ich mich entspannt. Ich habe dann völlig vergessen, dass es ja eigentlich ein Auswahlverfahren ist.

Erzähl uns von deinem Freiwilligen-Aufenthalt bei ICE: Gab es Schwierigkeiten, Zweifel und Ängste?

Nachdem ich nach einem Monat Intensivsprachkurs an meinem Arbeitsplatz ankam, war ich ein wenig enttäuscht von meinem Deutsch und davon wie die meisten Deutschen mit meinem mangelnden Deutschkenntnissen umgegangen sind – nämlich gar nicht. Nur wenige Menschen haben versucht, mir etwas langsam und einfach auf Hochdeutsch zu erklären, aber auch das war wirklich schwierig zu verstehen. Ich empfehle euch: Lernt Deutsch, bevor ihr nach Deutschland kommt. Und denkt daran, dass mit euch immer wieder im Dialekt gesprochen wird.
Ah, noch was, das war in der Einführungswoche, wir hatten einen Selbstverteidigungskurs und da habe ich mich gefragt „Wieso eigentlich so ein Kurs?" und vergaß es schnell wieder. Aber am zweiten Arbeitstag ist es mir wieder eingefallen und fand selbst die Antwort. „Es kann einem an der Kleidung oder den Haaren gezogen werden oder man wird plötzlich angeschrien, gebissen oder getreten, wenn man es nicht erwartet."
Anfangs war es ein Schock für mich, aber allmählich gewöhnte ich mich an plötzliche Stimmungsschwankungen der Bewohner und reagierte ganz anders darauf. Und jetzt kann ich sagen, dass ich wahnsinnig froh bin, dass ich diese Erfahrung gemacht habe, denn die erlernten Fähigkeiten helfen mir wirklich, auf Unerwartetes vorbereitet zu sein. Einerseits könnte man sagen, dass ich einen professionellen Umgang mit dem Verhalten bestimmter Menschen in bestimmten Situationen entwickelt habe und nicht für alle Menschen per se, anderseits habe ich gelernt, Menschen zu verstehen und nachempfinden zu können, die sich meist so unberechenbar wie es nur geht verhalten und sehr unverständlich reden (wenn sie überhaupt reden). Dabei habe ich auch irgendwie gelernt, mich selbst zu verstehen. Ich bin sehr froh, dass ich dieses Programm gefunden habe, denn die Zeit weg von zu Haus und dem Gewohnten ist sehr ermächtigend und hilft, viele scheinbar einfache Dinge anders zu sehen, mit Stereotypen zu brechen und diese zu überdenken, in die Kultur einzutauchen und zu versuchen, ein Teil von ihr zu werden.

Wie hast du dein Freiwilliges Jahr verbracht? An welchem Ort warst du? In was für einem Projekt hast du geholfen und was hast du dort gemacht?

Ich habe in Schwäbisch-Hall gewohnt, ein Städtchen in der Nähe von Stuttgart. Ich habe meinen Freiwilligendienst bei der gemeinnützigen Organisation Sonnenhof gemacht. Sonnenhof arbeitet mit Menschen mit Behinderung allen Alters. Ich habe ehrenamtlich in einer Wohngruppe von Jugendlichen zwischen 12 bis 22 Jahren gearbeitet.
Zu meinen Hauptaufgaben an meinem Arbeitsplatz gehörte die Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen und die Freizeitgestaltung mit ihnen. Manchmal, da muss ich ehrlich sein, war es sehr schwer, weil die Kinder verschiedene Krankheiten haben, und das wirkt sich zeitweise auf ihr Verhalten aus. Aber trotzdem hat die Menge an positiven Aspekten geholfen, sich zu beruhigen und in die Normalität überzugehen.
Für mich waren meine Kollegen eine der wichtigsten Aspekte auf Arbeit. Am schönsten waren auf Arbeit die Ausflüge, d.h. Raus und Zeit mit meinen Schützlingen verbringen. Wenn keine Schule war, zum Beispiel an Wochenenden oder in den Ferien, sind wir oft mit dem Bus ins Umland gefahren oder haben was zum Picknicken mitgenommen und sind in den benachbarten Wald gegangen, um da zu spazieren und Spaß zu haben. In solchen Momenten fühlte ich mich wie eine glückliche Heldin in einem guten Film. Besonders gefallen hat mir der Freiwilligendienst an Feiertagen (von denen es in Deutschland viele gibt), denn die Deutschen feiern ganz anders als wir, es war interessant diese Kultur von der Seite kennenzulernen.
Was das Alltägliche und die Pflege bei der Arbeit angeht: Also Duschen, Umziehen und so weiter – da dachte ich anfangs, das schaffe ich nicht. Aber dann wurde es schnell so zur Gewöhnung, dass ich bald gar nicht mehr merkte, wie oft es gemacht werden musste. Außerdem sind die Schützlinge meistens so nett, und es war immer spaßig das Alles mit ihnen zu machen.

Welche Vorurteile oder Mythen hast du durch den Freiwilligendienst aufgelöst? Was hast du über dich und über andere gelernt?

Die eigentliche Offenbarung für mich war, dass im Grunde alle Menschen (und besonders die Schützlinge) am Ende nur eines brauchen: Liebe und Aufmerksamkeit. Irgendwann fing ich an, alle in meiner Betreuungsgruppe einzeln in meinem Kopf durchzugehen, und da wurde mir das sehr klar. Ich hatte zuvor nie darüber im Zusammenhang mit Menschen mit Behinderungen nachgedacht. Als ich dann in Deutschland darüber nachgedacht habe, und jeden Schützling auf eine andere Art und Weise kennengelernt habe, war ich überrascht, wie wir gleichzeitig einander so ähnlich doch so unterschiedlich sind. Ich hatte eine Menge persönlicher Offenbarungen, es war das erste Mal, dass ich „ausbrach" und anfing, eigenständig zu sein. Eines der wichtigsten Erkenntnisse für mich war, dass jeder den Freiraum von seinem Nächsten respektieren muss.

Worin besteht für dich der Unterschied zwischen dem Leben von Menschen mit Behinderung in Russland und in Deutschland?

In Russland leben Menschen mit Behinderungen meist isoliert außerhalb der Stadt unter gesonderten Bedingungen. In der Stadt zu wohnen ist auch nicht einfach, weil es kaum Barrierefreiheit gibt. Ich erinnere mich an eine Situation, als ich mit dem Bus unterwegs war und an der Haltestelle eine Person im Rollstuhl einsteigen wollte. Der Fahrer und der Schaffner waren sehr genervt und sauer, weil sie eine extra Rampe für die Person hinlegen mussten.
Ich war für kurze Zeit Freiwillige bei Perspektivy in St. Petersburg, daher ist es für mich schwierig, etwas Allgemeines über die Einrichtungen für Menschen mit Behinderung in Russland zu sagen. Aber was ich im gewöhnlichen Alltag in Russland beobachte, ist sehr weit von dem Niveau entfernt, auf dem sich der Umgang mit behinderten Menschen in Deutschland sich bewegt. In Deutschland werden Menschen mit Behinderungen überall (nicht nur in Großstädten) berücksichtigt, man macht spezielle Ampeln für sie, berücksichtigt ihren persönlichen Freiraum und baut spezielle Häuser, damit jeder ein eigenes Zimmer hat; viele werden in die Innenstadt oder ins Dorf gefahren, mit Eis gefüttert und in Einkaufszentren mitgenommen. Ich denke, das liegt vor allem daran, dass sich der Staat in Deutschland um Menschen mit Behinderungen kümmert und sie finanziell unterstützt.

Was für einen Umgang mit Freiwilligen hast du in Deutschland mitbekommen?


Der Umgang mit Freiwilligen ist normal, ich war eigentlich nie in irgendeinem unangenehmen Moment deswegen. Trotzdem ist unter den Deutschen die Bereitschaft für Sozialarbeit normalerweise nicht sehr hoch. Diejenigen, die hingehen, tun dies jedoch nicht aus Verzweiflung oder so, sondern weil sie sich dort gebraucht und nützlich fühlen. Meine Kollegen entsprachen überhaupt nicht dem mir bekannten Stereotyp von Deutschen als einer Nation von Oberpünktlichen und Hochnäsigen. Meine deutschen Kollegen waren gesprächsfreudig, hilfsbereit, unpünktlich, spontan und hatten ein gutes Herz!

Hattest du Heimweh nach Russland?

Offen gesagt, nicht wirklich. Dieses Jahr hat mir geholfen zu verstehen, dass ich mich recht schnell an eine neue Umgebung gewöhne. Doch viele andere Freiwillige hatten Heimweh.

Was meinst du, warum sind einige der Freiwilligen in den letzten Jahren nicht mehr nach Russland zurückgekehrt?

Schwierig zu sagen, es gibt unzählige Gründe. Wegen der momentanen Situation in Russland, oder wegen der Vorzüge in Deutschland, oder wegen den höheren Löhnen und Lebensstandards oder wegen des besseren Umgangs mit Menschen mit Behinderung, wegen des wärmeren Wetters hier, wegen der Reisefreiheit in Europa (natürlich geht das gerade nicht wegen Corona-Pandemie) und es fallen mir noch viele weitere Gründe ein.

Deine Empfehlung für diejenigen, die gerade darüber nachdenken einen Freiwilligendienst anzutreten?


Keine Angst! Es ist die unglaublichste und einzigartigste Erfahrung, die man machen kann, denn im Umgang mit Menschen lernen wir nicht nur andere zu verstehen, sondern auch uns selbst.
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