Interview mit Anna Zimmermann

Anna, Warum hast du dich überhaupt dafür entschieden, Freiwillige zu sein?

Ich wollte gerne nach dem Abitur helfen, etwas Sinnvolles tun und ins Ausland gehen. In der Schule hatte ich schon ein bisschen Russischunterricht. Und dann war irgendwie der Wunsch nach Russland zu gehen.

Sprichst du Russisch?

Na ja, ein bisschen. Nicht gut (lacht).

Cool! Russisch ist aber wirklich schwierig…

Deutsch auch!

Also, du wolltest einfach ein Jahr in Russland verbringen?

Genau, und dort etwas Sinnvolles machen.

Was wusstest du über „Perspektivy", bevor du hier warst?

Ich hatte in Deutschland vom ICE Vorbereitungsseminare und sie haben uns etwas über Perspektivy erzählt. Außerdem hatte ich die Internet-Seite angeguckt.

Es gab wahrscheinlich mehrere Optionen?

Naja, der ICE hat ausgewählt, in welches Projekt wir gehen. Darauf hatte ich keinen Einfluss.

Dann wusstest du nicht so viel über „Perspektivy"?

Schon ein bisschen was, aber… ich hatte eben die Website von Perspektivy angeguckt und ich hatte es mir durchgelesen, aber alles wusste ich nicht.

Was waren deine Vorstellungen der Freiwilligenarbeit im Kinderheim vor deiner Ankunft?

Meine Vorstellungen waren nicht so konkret. Ich dachte eben, dass ich viel Zeit mit den Kindern verbringen werde - spielen, spazieren gehen und so etwas.

Welche Erwartungen wurden wahr?

Ich habe viel Zeit mit den Kindern verbracht, so wie ich es erwartet hatte. Aber vieles war doch anders als vorgestellt. Wie die Situation wirklich vor Ort ist war mir nicht bewusst, genau wie die ganzen Probleme.

Kannst du ein bisschen mehr darüber sagen?

Bevor ich nach Russland gekommen bin, dachte ich, dass im Kinderheim eigentlich alles soweit okay ist. Ich dachte, dass ich viel helfen kann. Vor Ort war es dann doch ganz anders. Es gab auch viele Stunden, in denen wir einfach nichts machen durften. Und die vielen Konflikte… Konflikte mit dem Personal, mit der Administration des Heimes … das war mir davor nicht bewusst.
Oh, Schade… Und wie hast du Russland in deinem Freiwilligenjahr gesehen?

Ich war nur in Sankt-Petersburg, deswegen würde ich jetzt nicht sagen, dass ich über ganz Russland reden kann. Das Leben in Sankt Petersburg hat mir gefallen. Das lag auch daran, dass ich vom Dorf komme und noch nie zuvor in einer Stadt gelebt habe und deshalb die Freiheit und die Möglichkeiten sehr genossen habe. Aber auch generell mochte ich das Leben dort. Die Menschen wirken auf den ersten Blick kühl und abweisend, man geht erstmal nicht aufeinander zu. Wenn man die Menschen dann aber kennenlernt merkt man, wie herzlich und gastfreundlich sie sind. Das habe ich zu schätzen gelernt.

Okay, danke! Du hast schon ein bisschen über dein freiwilliges Jahr gesagt, aber wie kannst du dein freiwilliges Jahr beschreiben?

Das ist gar nicht so leicht. Es war auf jeden Fall intensiv und prägend. Es war wirklich schön und ich habe es voll genossen. Die Arbeit hat total Spaß gemacht und das Leben … es war so eine schöne Zeit. Aber es war andererseits auch total schockierend, die Umstände im Kinderheim zu sehen. Es hat mich traurig gemacht, wie die Situation dort für Menschen mit Behinderungen ist. Also es war sowohl wunderschön als auch schrecklich, es war alles dabei.

Okay, und was ist die schönste Erinnerung?

Die Frage ist gar nicht so leicht… ich erinnere mich an einen richtig schönen Moment. Ich war im Kinderheim und ging zu dem Bett eines Mädchens, das ich betreut habe, und sie hat angefangen zu lächeln. Und das war so ein schöner Moment! Es hat mich so glücklich gemacht zu sehen, dass sie sich freut, vor allem, weil sie nicht so oft gelächelt hat.

Wie süß! Danke, das ist wirklich schön! Und wie konntest du Kontakt zu den Kindern herstellen?

Meinst du sprachlich?

Nicht nur, weil du nur ein bisschen Russisch sprichst und die Kinder manchmal nicht sprechen können.

Ich habe Kontakt aufgebaut, indem ich mich mit ihnen beschäftigt habe…das entsteht eigentlich ganz natürlich. Wenn ich mit dem Kind spazieren war, dann habe ich es kennengelernt (wie es kommuniziert, sich verhält, was es mag usw.). Gleichzeitig hat das Kind mich kennengelernt, so haben sich Beziehungen aufgebaut. So wie es eben immer funktioniert, wenn man einen Menschen kennenlernt.

War es schwer ohne Kenntnisse der russischen Sprache?

Ein bisschen Russisch spreche ich ja, das war sehr hilfreich. Ansonsten waren eigentlich waren immer Leute da, die auch übersetzen konnten. Im Kinderheim gibt es auch Mitarbeiter von Perspektivy und besonders einer hat uns internationalen Freiwilligen ganz viel geholfen und oft übersetzt. Ich habe viel Englisch gesprochen, sowohl in der Arbeitsstelle als auch in der Wohnung und in meiner Freizeit, weil das eben die gemeinsame Sprache war, die alle einigermaßen konnten. Zur Russischen Sprache...man kommt schon klar. Die Basics lernt man dann automatisch, das ist ja immer das gleiche, z.B. beim Einkaufen („danke", „bitte").

Wie hat dich in diesem freiwilligen Jahr die sendende Organisation ICE unterstützt?

Wir hatten Seminare; Vorbereitungsseminare, eine Zwischenreflexion und ein Abschlussseminar. Da haben wir Freiwilligen reflektiert, was passiert ist oder beziehungsweise der ICE hat uns darauf vorbereitet, was uns erwartet. Man konnte Kontakte knüpfen mit anderen Freiwilligen. Im Freiwilligenjahr war der ICE immer als Ansprechpartner da, man konnte sich melden, wenn es Probleme gab.

Online meinst du, oder?

Ja, genau. Und gerade in der Corona-Pandemie haben sie sich richtig gut um uns gekümmert, haben bei jedem persönlich nachgefragt, wie die aktuelle Situation ist und ob man nach Deutschland zurückkehren möchte.

Sie haben uns echt gut unterstützt.

Okay, gut. Wie war es, das Freiwilligenjahr wegen der Pandemie zu unterbrechen und nach Deutschland zurückzukehren?

Das war echt traurig. Ich musste so plötzlich zurück, darauf war ich nicht vorbereitet. Der Abschied war schwer - ich bin zurück nach Deutschland mit der Gewissheit, dass das Kinderheim erstmal unter Quarantäne steht. Das heißt, es durfte nur noch das notwendige Personal in das Kinderheim. Meine Schützlinge in dieser Situation zurückzulassen war echt hart. In Deutschland war es am Anfang ziemlich schwierig, weil ich einfach nichts mit mir anzufangen wusste. Ich wollte irgendwas Sinnvolles machen, aber es war Lockdown … das war echt ziemlich traurig. Erst dachte ich, dass ich nochmal zurück nach Russland kann, aber das war nicht möglich. Ich will auf jeden Fall nochmal zurück. Ich hoffe, dass das bald möglich sein wird.

Und wann bist du zurückgekommen?

Ungefähr Mitte März, ich war ungefähr ein halbes Jahr dort.

Schade… wir alle waren traurig. Und während dieses Jahr, was hat dir geholfen, dich anzupassen?

Mir hat es auf jeden Fall geholfen, dass ich Kontakt zu vielen anderen Freiwilligen hatte, die in der gleichen Situation waren wie ich - sowohl vor Ort in St. Petersburg als auch andere Freiwillige vom ICE, die in anderen Ländern waren. Man konnte sich immer austauchen. Im Kinderheim hat mir unser Freiwilligenteam sehr geholfen. Ich war nie alleine und wir konnten uns gegenseitig richtig gut unterstützen. Und in Sankt-Petersburg…Also mir hat es auf jeden Fall geholfen, dass ich schon ein bisschen Sprachkenntnisse hatte. Das hat Vieles einfacher gemacht.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel Einkaufen.

Und jetzt, kommunizierst du mit jemandem, mit dem du das freiwillige Jahr zusammen verbracht hast?

Ja, mit einigen - die mit mir zusammen gearbeitet haben oder mit mir gewohnt haben oder auch Freunde, die ich dort kennengelernt habe.

Sind sie auch aus Deutschland?

Manche, aber nicht alle. Auch aus Russland, aus Großbritannien, aus Südafrika, aus Ghana.

Okay, toll! Und dann, die letzte Frage. Was würdest du den Freiwilligen am Anfang des Weges empfehlen?

Einfach die Zeit zu genießen, jeden Tag, weil es schneller zu Ende sein kann als man denkt. Und alles so zu nehmen wie es kommt, Tag für Tag.

Und wenn es wirklich schwierig ist, was soll man machen?

Ich glaube, es hilft mit Menschen darüber zu reden, die in ähnlichen Situationen sind. Das können Freiwillige sein, die in anderen Ländern sind. Man hatte irgendwie häufig ähnliche Probleme. Es hilft, sich auszutauschen und zu sehen, dass man nicht alleine mit dem Problem ist. Wenn man in Sankt Petersburg Anschluss finden will, kann man auf jeden Fall etwas finden. Man kann nach Menschen suchen, mit denen man etwas gemeinsam hat oder die ähnlichen Interessen haben. Es gibt Speaking Clubs oder Reading Clubs, Sportvereine, Chöre usw.



Verfasserin: Polina Boris
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